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Germanischen und Nordische Mythologie

in Götter und Entstehungsgeschichte 04.02.2012 14:58
von Akisius • Hoher Richter (Admin) | 11 Beiträge

Die Entstehung der Welt

In uralten Zeiten, als noch Himmel und Erde und Götter und Menschen nicht da waren, entstand fern im Süden Muspelheim: die Welt der heißen Sonne, des Feuers. An der Grenze von Muspelheim sitzt der Urweltriese Surtur mit flammendem Schwerte und schützt sein Reich, und am Ende der Welt wird er kommen, die Götter besiegen und die Welt mit Feuer verbrennen.
Im hohen Norden aber war Nifelheim: die Heimat des kalten Winters, des ewigen Eises, der Nebel und der Finsternis. Und ein Brunnen war in Nifelheim, der hieß Hwergelmir: der rauschende Kessel. Aus ihm kamen zwölf Ströme, die flossen nach Süden, stürzten in den Abgrund zwischen Nifelheim und Muspelheim und erstarrten zu Eis. Da nun ohne Unterlauß Wasser herzuströmte, so legte sich eine Eisdecke über die andere, bis die gähnende Tiefe ausgefüllt war. Und es kamen Feuerfunken von Muspelheim geflogen, die fielen auf die Eisblöcke nieder und erwärmten sie. Da entstand aus ihnen der Riese Ymir.
Auch kam aus den gärenden Eisblöcken die Kuh Audhumbla hervor, von deren Milch sich Ymir ernährte. Eines Tages schlief der Riese, da erwuchs ihm unter einem Arm ein Sohn und unter dem anderen eine Tochter, und von diesen stammt das ganze Geschlecht der Urweltriesen.
Die Kuh Audhumbla leckte an den salzigen Eisblöcken, und siehe! da kam ein Mann aus ihnen hervor, der hieß Bur, und sein Sohn war Bör. Und Bör nahm eine Riesentochter, Bestla, zur Frau und hatte drei Söhne: Odin, Hönir und Loki. Nicht lange, so wurden die drei Brüder stark und mächtig, und sie zogen aus zum Streite wider den alten Riesen Ymir. Ein furchtbarer Kampf entbrannte; Ymir wurde getötet, und es floß so viel Blut aus seinen Wunden, daß darin alle Frostriesen ertranken; nur einer von ihnen, namens Bergelmir, rettete sich mit seinem Weibe auf ein Boot, und von diesem stammen alle späteren Riesengeschlechter.
Odin, Hönir und Loki nahmen nun den toten Ymir, warfen ihn mitten in den brodelnden Schlund zwischen Nifelheirn und Muspelheim und bildeten aus ihm die Welt. Aus seinem Fleisch ward die Erde geschaffen, aus seinem Blut das Meer und alles Gewässer, aus den Knochen die Berge, aus den Zähnen die Steine, aus dem Haar die Bäume, aus dem Hirn die Wolken und aus dem Hirnschädel der Himmel. Die Augenbrauen des Riesen aber nahmen sie und schufen daraus einen festen Wall gegen das Meer. So war nun Land und Wasser geschieden, und die Erde ward trocken, und Gras und Blumen und Bäume sproßten daraus hervor. Die Götter aber nannten das fruchtbare Land Midgard (Mittgart) und bestimmten es zum Wohnplatz für künftige Menschengeschlechter.

Sonne, Mond und Sterne

Es kamen Feuerfunken von Muspelheim geflogen, die haschte Odin und warf sie an den Himmel, da wurden daraus die Gestirne. Auch zwei große Lichter schuf Odin, die da leuchten sollten Tag und Nacht. Und er machte zwei Wagen und stellte die beiden Lichter darauf, und vor jeden Wagen spannte er zwei windschnelle Rosse.
Und es lebte ein Mann, mit Namen Mundilföri, der hatte zwei sehr schöne Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Den Knaben nannte er Mond und das Mädchen Sonne. Ob solchen Hochmuts erzürnte Odin, und er führte die Riesenkinder an den Himmel und gebot dem Knaben, die Rosse des Mondes zu leiten, das Mädchen aber mußte den Sonnenwagen fahren.
Die finsteren Riesen scheuten das Licht, und sie warfen grimmen Haß auf Sonne und Mond und wollten sie vernichten. Da nahmen sie die beiden Wölfe Sköll und Hati, brachten sie an den Himmel und hetzten sie auf Sonne und Mond. Schnell wie der Wind laufen die Himmelsrosse, und doch gelingt es zuweilen den Wölfen, sie einzuholen. Dann sind Sonne und Mond in großer Gefahr: die wütigen Wölfe schnappen nach ihnen und fassen sie in den Rachen, dann sagen die Menschen: "Es ist Sonnen- oder Mondfinsternis."
Bisher aber ist es den Himmelslichtern noch immer gelungen, wieder freizukommen und ihren Verfolgern zu entfliehen; erst am Ende der Welt werden sie von ihnen eingeholt und verschlungen werden.

Tag und Nacht

Es war eine Riesentochter, die hießt Nacht. Sie war düster von Antlitz und trug einen dunkeln Mantel und einen wallenden schwarzen Schleier. Ihr Sohn hießt Tag und war von lichter Schönheit. Weiß und rot und freundlich war sein Gesicht, und seine Haare leuchteten wie Gold. Sein Kleid war licht wie Schnee und glänzte wie weiße Seide.
Und Odin gab der Nacht einen schwarzen Wagen und ein schwarzes Ross, das hieß Hrimfaxi (Reifmähne), denn seine Mähne war ganz mit Reif bedeckt. Ihrem Sohn Tag aber gab er ein herrliches weißes Ross, Skinfaxi, und einen goldschimmernden Wagen.
Wenn nun der Abend naht, so kommt die Nacht am Himmel emporgefahren und überschattet mit ihrem schwarzen Mantel die Erde. Hrimfaxi schüttelt Reif aus Mähne und Schweif, und der Schaum seines Gebisses fällt als Tau hernieder.
Morgens in der Frühe erwacht der Tag aus dem Schlummer. Und er steigt in den Wagen und ergreift Skinfaxis Zügel. Auf tut sich im Osten das goldene Himmelstor, und Tag fährt empor auf der blauen Bahn. Da fliehen die Schatten der Nacht, hell wird die Luft, und des weißen Rosses strahlende Mähne erleuchtet die Erde. Alle Geschöpfe jauchzen dem schönen Tage freudig entgegen, denn er bringt Licht und Leben. In zwölf Stunden hat er den weiten Weg vollendet, dann taucht er im fernen Westen in das Meer, und seine Mutter Nacht beginnt ihre Fahrt.


Erschaffung der Menschen und Zwerge

Eines Tages gingen die drei göttlichen Brüder Odin, Hönir und Loki am Meeresstrande entlang. Da standen zwei Bäume, Esche und Ulme, und Odin sprach:
"Lasset uns Menschen daraus schaffen nach unserem Bilde, auf dass Midgard, die schöne, fruchtbare Erde, von ihnen bewohnt werde." Und er schuf einen Mann und ein Weib daraus; Hönir aber gab den Gestalten Bewegung und Verstand, und Loki verlieh ihnen die Sinne und die menschliche Sprache.
Und sie nannten den Mann Ask (Esche) und die Frau Embla (Ulme oder Erle) und führten sie durch Midgard. Da sprach Odin zu ihnen: "Hier sollt ihr wohnen und die Erde bebauen und essen die Früchte des Feldes."
So lebten nun Ask und Embla fortan in Midgard, und von ihnen stammt das ganze Geschlecht der Menschen. lm Innern der Erde aber entstanden die Zwerge, die waren klein und häßlich, hatten aber Menschenwitz und waren klug.
Einige waren weiß, andere schwarz. Vier von ihnen stellte Odin unter die vier Ecken des Himmels, den Himmel zu tragen, die heißen: Nord, Süd, Ost und West. Die Schwarzzwerge bauten sich ihre Wohnungen in den Klüften und im Gestein der Erde. Und sie gruben Schätze: Erz und Eisen, Silber und Gold, errichteten Schmiedewerkstätten und schufen allerlei köstliche Dinge: rote Ringe, goldene Ketten, gute Schwerter und Spieße und noch mancherlei wunderbare Kleinodien.
Selten kommen sie auf die Oberfläche der Erde. Nur nachts dürfen sie sich emporwagen; denn sobald die Sonne sie bescheint, verlieren sie das Leben und werden zu Stein. Die weißen Zwerge hämmern nicht in rußgen Schmiedewerkstätten; ihr Antlitz ist so licht und schön wie die Sonne; darum heißen sie auch Lichtalfen oder Elfen. Sie wohnen im sonnigen Äther und tanzen in mondhellen Sommernächten auf Midgards Blumenauen ihren lieblichen Reigen.


Die Namen der Götter und ihre Wohnungen


Das sind die Namen der hohen Asen:
Odin, Thor, Tyr, Baldur, Forseti, Niörd (Ägir), Freyr, Heimdall, Brage, Hödur, Wali, Uller, Widar, Loki.
Die vornehmsten Göttinnen heißen: Frigg, Sif, Freya, Gerda, Idun, Nanna, Sigyn.
In der Mitte des Weltalls, hoch über der Erde, erbauten die Asen Asgard. Hier wollten sie wohnen, und jeder wölbte sieh hier seine herrliche Halle. Das größte und schönste Haus erbaute sich Odin, der Vater der Götter und Menschen. Gladsheim heißt seine Burg.
Hell schimmert das Dach, denn es ist mit silbernen Schilden gedeckt. Golden sind Pforten und Säulen und Tische und Bänke. An den Wänden hängen glänzende Panzer und Waffen aller Art. Viele Säle sind in Gladsheim, der größte ist Walhalla mit 540 Türen. Daneben ist ein Saal mit zwölf goldenen Stühlen; dorthin gehen die Asen, wenn sie beraten wollen. Auch ist in Gladsbeim Odins Hochsitz Hlidskialf. Setzt sich der Weitenvater auf diesen Thron, so überschaut sein Auge alle Welten. Leicht kann man Gladsheim vor den anderen Götterpalästen erkennen: über der goldenen Pforte hängt ein Wolf, und darüber sitzt ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln und droht mit Krallen und Schnabel.
Das gemeinsame Haus der Göttinnen heißt Wingolf, kaum minder prächtig als Gladsheim mit Walhalla. Herrlich ist Asgard vor allen andern Welten. Darüber wölbt sich die Krone der Esche Yggdrasil, und durch das grüne Blätterdach fallen ewig milde Sonnenstrahlen in das herrliche Heim der Asen.
Da stürzen Ströme mit donnerndem Fall von Himmelsbergen nieder, und unter geheimnisvollem Rauschen rollt Sagas Strom durch dämmernde Schatten dahin. Glasir, der Goldwald, schimmert und leuchtet in heller Pracht, und wenn einer der Asen hindurchwandelt, so klingen und singen die goldenen Zweige in zaubervoller Musik. Da ist das weite, grasbedeckte Idafeld, wo die Asen in Jugend und Unschuld mit den goldenen Täfelchen spielten, die erst wiedergefunden werden, wenn im Weltuntergange alle Schuld gesühnt ist und in Himmelshöhen die neuen Götterpaläste sich erheben werden.


Bifröst, die Himmelsbrücke


Als die Götter Asgard erbaut hatten, wölbten sie eine Brücke von der Erde zum Himmel und nannten sie Bifröst; Menschenkinder heißen sie Regenbogen. Auf derselben steigen die Asen herab zu den Menschen, und die im Kampfe gefallenen Helden reiten darauf gen Walhalla.
Viele Farben hat Bifröst; das Rote darin ist lohendes Feuer, und nicht jeder kann darüber hingehen. Unholde Riesen würden Asgard stürmen, wenn sie Bifröst ersteigen könnten. Am oberen Ende der Brücke steht die Himmelsburg, darin Heimdall wohnt, der Wächter von Asgard. Wenn Gefahr droht, ergreift er sein Horn und bläst hinein, und der Schall wird in allen Welten vernommen.
Sehr fest gefügt ist Bifröst; aber wenn am Ende aller Tage der Feuerriese Surtur mit seinen Scharen darüber hinreiten wird, dann wird die Brücke krachend zusammenbrechen.


Weltesche Yggdrasil und die Nornen


Mancher hohe Eichbaum ragt auf Midgards Bergen, und doch ist keiner so hehr wie Yggdrasil, die Weltesche. Ihre Krone wölbt sich über Asgard, den Sitz der Götter; der Stamm reicht von der Erde in den Himmel, und die Wurzeln sind gegründet tief in Midgard, im Lande der Riesen und in Nifelheim.
Immergrün ist die Krone dieses heiligen Baumes; Heidrun, die Ziege, nährt sich von seinen Blättern. Und kräftig muss wohl diese Speise sein, denn die Ziege gibt so viel Met, daß alle Götter und die Helden Wallhallas vollauf zu trinken haben. Auch weidet ein Hirsch in der Krone, und von seinem Geweih fallen so viel Tropfen gen Nife1heim in den Brunnen Hwergelrnir, daß daraus alle Ströme der Welt entspringen.
Ein Adler sitzt auf dem Gipfel des Baumes, und zwischen seinen Augen rastet ein Habicht. An dem Stamm steigen vier Hirsche auf und ab und benagen die frischen Auswüchse; auch Ratatwiskr, ein Eichhörnchen, klettert daran auf und nieder.
Unter der Wurzel in Nifelheim, die zur Hel geht, liegt Nidhögger, ein scheußlicher Drache, und viel boshaftes Gewürm; und die Unholde nagen an der Wurzel, um den Baum zu zerstören. Nidhögger liegt im Streit mit dem Adler, der in der Krone sitzt, und sie sagen sich arge Schimpfworte, die das Eichhörnchen Ratatwiskr (Zwistträger) von einem zum andern trägt.
Die zweite Wurzel steht im Lande der Riesen. Unter ihr ist ein Brunnen, der dem Riesen Mimir gehört. Wer das Wasser dieses Brunnens trinkt, der erfährt tiefe Geheimnisse der Urzeit. Selbst Odin kam einmal zu Mimir und begehrte einen Trank aus dem weisheitsvollen Brunnen. Mimir gewährte ihm denselben, doch mußte ihm Odin dafür eins seiner Augen zum Pfande geben. Seitdem ist der Weltenvater einäugig.
Die dritte Wurzel der Weltesche steht in Midgard, dem Lande der Menschen. Auch unter ihr ist ein Brunnen, auf dessen Spiegel weiße Schwäne ihre Kreise ziehen. Hier wohnen die Nornen, drei göttliche Schwestern, welche Glück und Unglück Göttern und Menschenkindern verleihen und dem einen ein langes, dem andern ein kurzes Leben schenken. Urd, Werdandi und Skuld heißen die Nornen. Urd weiß alle Geheimnisse vergangener Zeiten; sie ist die Norne der Vergangenheit. Werdandi teilt den lebenden Menschen ihre Lose zu; sie ist die Norne der Gegenwart. Das Reich der Zukunft gehört der dritten Schicksalsfrau; sie kennt im voraus die Tage, die erst kommen sollen; aus ihrer Hand empfangen die Menschen ihre Todeslose. Skuld ist die Norne der Zukunft.
Viel Unheil erduldet die Esche Yggdrasil, denn Nidhögger, der Drache, und viel gräßliches Gewürm nagen an ihren Wurzeln; Hirsche beißen die Knospen des Baumes ab, und die Ziege Heidrun nährt sich von seinem Laube; aber die hohen Nornen schöpfen Wasser aus Urdas Brunnen und besprengen damit den Weltbaum, daß er nicht dorre und seine Blätter verwelken. Nicht selten reiten die Asen über Bifröst nach Midgard hernieder und halten Rat am Brunnen der Nornen, im Schatten des heiligen Baumes.
Wenn aber am letzten aller Tage Heimdalls Horn durch alle Welten erschallt, dann wird auch Yggdrasil rauschend erbeben und mit Donnerkrachen in Suturs Flammenmeer stürzen.

Quelle: Götter und Heldensagen Gustav Schalk Fleischmann Verlag Fulda


zuletzt bearbeitet 04.02.2012 16:24 | nach oben springen

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